1: Teil: Das schottische Tal der Tränen

Die einwöchige Rundreise durch Schottland war eine Reise durch die Zeit, durch die Geschichte und Geschichten von rivalisierenden Clans, vom Kampf um die Krone Englands, von Braveheart und Harry Potter.

Ein Reisebericht von Ruth Vuilleumier, veröffentlicht auf Seniorweb.ch

In Bannockburn erlebte das kleine schottische Heer 1314 den grössten Triumph über die zahlenmässig überlegenen Engländer. Der Held Robert Bruce als Reiterstatue ist auf dem alten Schlachtfeld von weithin zu erkennen. Lieder besingen ihn und Schottland knüpft in der ganzen Geschichte immer wieder an diesen Sieg an.

In der Nähe von Bannockburn steht die strategisch günstig gelegene Burg Stirling Castle über der Altstadt auf einem Hügel. Mindestens sechzehnmal soll sie belagert oder angegriffen worden sein.

Stirling Castle gehört zu den Hauptresidenzen der schottischen Könige. Der Palast wurde zwischen 1537 bis 1543 erbaut. In der nahegelegenen Kirche wurde 1567 der Sohn von Königin Maria Stuart als Jakob VI zum König von Schottland gekrönt, später übernahm er als Jakob I. den englischen Thron. Stirling ist auch bekannt für Geistererscheinungen, aber der Green Lady sind wir nicht begegnet.

Das Stirling Highland Hotel, eine ehemalige Schule von 1854, hätte genauso gut Harry Potters Schule sein können. Wir wurden im Lateinzimmer empfangen, im alten Refektorium wurde das Essen serviert. Aber natürlich sind alle Räume den heutigen Hotelbedürfnissen angepasst.

Der viel besungene Loch Lomond ist der grösste See Schottlands. Vom Boot aus bewunderten wir die Nebel umhangenen Hügel und die kleinen Inseln. Danach ging die Busfahrt weiter über Invararay durch das historisch bedeutsame Tal Glen Coe – Glen heisst Tal und Loch See in der gälischen Sprache.

Glen Coe liegt zwischen hohen, steilen Bergrücken. Wasserfälle und kleine Bäche münden in den Fluss Coe. Das Land ist einsam und karg und wird von einer dramatischen Geschichte begleitet: König Wilhelm III. bot allen Highland-Clans, insbesondere den MacDonalds und Campbells, die für ihre Raubüberfälle gefürchtet waren, von London aus die Begnadigung an. Seine Bedingung war, dass sie bis zum 1. Januar 1692 im Glen Coe vor einem Richter den Treueeid ihm gegenüber ablegten, ansonsten drohte die Todesstrafe. Der besonders aufmüpfige Clan MacDonald kam fünf Tage zu spät an. Trotzdem wurde er vom Campbell Clan freundlich aufgenommen und beherbergt. Doch in der Nacht liess der königstreue Campbell den ganzen Tross der MacDonald, etwa achtunddreissig Personen, umbringen. Seither wird Glen Coe auch das Tal der Tränen genannt.

Dieses Massaker galt als absoluter Tabubruch gegenüber der Gastfreundschaft und entzweite die beiden Clans über Jahrhunderte. Auch wenn sich ihr Verhältnis inzwischen normalisiert hat, gibt es Nachwirkungen. So erzählte uns der Busfahrer von einem Kollegen, der unglücklicherweise im Kilt der Campbell ein Pub im MacDonald-Gebiet besuchen wollte. Er konnte sich kaum setzen, schon hatte er die Faust im Nacken, wurde beschimpft und verprügelt und rausgeschmissen.

Über Fort William gelangten wir zur Fähre, die uns auf die Isle of Skye brachte. Auch hier wieder einsame grüne Hügel, Berge, Seen und mitten drin die Seumas Bar mit Uisge Beatha (water of life) mit über vierhundert Sorten Whisky aus allen Gegenden Schottlands. Es blieb beim Kaffeehalt mit einem kleinen Schluck Whisky. Das schottische Festland erreichten wir nun über die zweihundertfünfzig Meter lange, 1995 erbaute Skye Bridge.

Eilean Donan Castle liegt auf einer kleinen Landzunge, die bei Flut zu einer winzigen Gezeiteninsel wird und dann nur durch eine steinerne Fussgängerbrücke erreichbar ist. Die Burg wurde immer wieder Zufluchtsort oder Basis und Ziel von Auseinandersetzungen. Sie wurde 1220 erbaut und wechselte öfter die Besitzer, zuletzt war sie Stammsitz des Clans der MacRae. Doch beim missglückten Jakobitenaufstand, den Anhänger des im Exil lebenden Thronanwärters aus dem Hause Stuart anführten, wurde Eilean Donan Castle 1719 gesprengt. 1912 erwarb ein Mitglied des MacRae Clans die Reste der Burg und liess sie zwischen 1920 und 1932 wieder herstellen.

Von Aviemore aus machten wir verschiedene Ausflüge, wie eine Fahrt mit der historischen Dampfbahn durch den Cairngorms National Park ins sechzehn Kilometer entfernte Broomhill und zurück. Dieser Strathspey Steam Train wurde 1863 eröffnet, 1965 stillgelegt und 1978 von Freiwilligen restauriert und als Touristenattraktion wieder in Betrieb gesetzt.

Aviemore ist ein unscheinbarer Ort, doch der Hinweis auf einen Steinkreis liess uns abends dorthin pilgern. Mitten in einem Wohnviertel entdeckten wir ihn: Seit viertausend Jahren steht er hier und gehört zu einem keltischen Grab. Je länger und andächtiger wir davor standen, umso intensiver machte sich eine eigenartige Stimmung breit, als ob wir in eine andere Welt eintauchen könnten.

Loch Ness bei strahlendem Sonnenschein ist sehr schön, doch fehlt etwas von der mystischen Atmosphäre dieses sagenumwobenen Sees. Aufgrund seiner Tiefe ist er der grösste Süsswasserspeicher der britischen Inseln. Seit Jahrhunderten wird immer wieder von Sichtungen eines Seeungeheuers im Loch Ness berichtet, doch Nessie konnte trotz umfangreicher wissenschaftlicher Forschung nicht gefunden werden.

Dem Fluss Ness entlang kamen wir an Inverness vorbei, wo wenige Kilometer östlich das Schlachtfeld von Culloden liegt. In Culloden erlitten die Jakobiten 1746 ihre letzte Niederlage gegen die englischen Regierungstruppen. Anführer war Bonnie Prince Charlie.

Während unserer ganzen Reise war immer wieder die Rede vom hübschen Prinz Charlie, Bonnie Prince Charlie oder The Young Pretender (der junge Thronanwärter). Charles Edward Stuart (1720-1788) war der Sohn des in Rom im Exil lebenden Old Pretenders. Sein Vater ernannte ihn 1743 zum Prinzregenten mit allen Vollmachten. Prince Charlie warb in Frankreich um Unterstützung, denn er wollte den schottischen und englischen Thron für die Stuarts zurückgewinnen. Im Juli 1745 landete er mit gerade einmal sieben Anhängern an der Westküste Schottlands. Er, der elegante Schönling mit gepuderter Perücke, fand anfänglich keine Gefolgsleute bis die MacDonalds zum bewaffneten Kampf aufriefen. Aus Mitgliedern mehrerer Highland Clans stellte er eine Armee auf und begann den Zweiten Jakobitenaufstand, doch die zugesagte Hilfe Frankreichs blieb aus.

Bonnie Prince Charlie wurde als charismatischer Anführer gefeiert und hatte bald Edinburgh eingenommen. Aber bis nach London reichte es nicht. Nach dem Rückzug in das schottische Hochland wurde seine Armee am 16. April 1746 in der Schlacht bei Culloden von den englischen Regierungstruppen geschlagen. Seine Kämpfer wurden alle hingerichtet, doch Prinz Charlie konnte fliehen dank einer Frau: Flora MacDonald wird heute als Heldin gefeiert. Sie kleidete Charlie in Frauenkleider und ruderte ihn in einer abenteuerlichen Fahrt über das Meer zur Insel Skye. Von hier aus konnte er nach Frankreich segeln und lebte fortan dort. Doch blieb er ein ruheloser Abenteurer, verfiel dem Alkohol und starb am 31. Januar 1788 in Rom, wo der Papst postum seine Ansprüche auf die Krone anerkannte.

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