Ein Schiff, das auch Räder hat

Flusskreuzfahrtschiff und Velo sind die perfekte Kombination, um die touristischen Highlights zwischen Paris und Le Havre zu entdecken. Notfalls hilft das E-Bike.

Nur 180 Kilometer Luftlinie trennen Paris vom Meer bei Le Havre. Wer diese Distanz auf der Seine zurücklegt, wird zur Entschleunigung gezwungen. In Paris liegt der Fluss gerade mal 26 Meter über Meer. Entsprechend gemächlich fliesst der Fluss dahin, weicht jedem Widerstand in ausladenden Schlaufen aus, was dem Reisenden bald einmal den Sinn für die vier Himmelsrichtungen ordentlich verwirren kann. Und es sind dann eben nicht 180, sondern 360 Kilometer bis Le Havre. Für die meisten der Hotelschiffe, die in Paris ablegen, ist aber nicht der Meerhafen, sondern Caudebec-en-Caux End- und Wendestation, weil die Dampfer nicht hochseetauglich sind.

Die sechstägige Passage hin und zurück wäre eine reizvolle Art, sich im bequemen Sitz auf dem Sonnendeck in die lange Geschichte dieses Wasserstroms zu vertiefen. Kelten, Römer, Vandalen, Westgoten, Hunnen, Wikinger, der englische König Richard Löwenherz – alle nutzten den Fluss oder kreuzten das Tal und hinterliessen Spuren. Richard Löwenherz zum Beispiel an einer besonders ausgeprägten Seine-Schleife bei Les Andelys. Hoch über einem Felsabhang steht die Ruine des Schlosses Gaillard. Der zu den mächtigsten Herrschern Europas gehörende Löwenherz liess die imposante Festung 1197 errichten.

Die Pariser strömten hierher, um zu essen und zu trinken

Aber es soll nicht beim Geniessen an Deck bleiben: Im Anhänger des Reisebusses, der bei jeder Anlagestelle des Schiffes wartet, stehen die
Velos. An fünf Tagen sind Radausflüge geplant. Wer in der Velogruppe «gemütlich» mitfährt, legt zwischen 20 und 45 Kilometer zurück. In der Kategorie «sportlich» werden Strecken zwischen 50 bis 75 Kilometer geradelt. Wer nicht das eigene Rad dabeihat, kann beim Veranstalter wahlweise ein Stadtvelo
oder ein E-Bike mieten. Ein Blick in den Anhänger zeigt: Die elektrisch unterstützten Gefährte sind deutlich in der Mehrzahl.

Was das bedeutet, merkt die Teilnehmerin spätestens beim ersten Fotostopp. Während sie den idyllischen Flussabschnitt und die prächtige Burg ins Kameravisier nimmt, rauscht der Tross weiter und ist, das Hilfsmotörchen machts möglich, im Nu aus dem Blickfeld verschwunden. Die Aufholjagd mit dem konventionellen Rad wird zur grösseren Herausforderung. Also aufs Fotografieren verzichten? Die Unmotorisierte entscheidet sich, nach zwei Touren auf ein E-Bike umzusatteln. Die Aufholjagd macht so deutlich mehr Spass.

In Paris endet bekanntlich die berühmte Tour de France – für uns Freizeitradler beginnt sie hier. Während sich die «Sportlichen» stilgerecht im Stadtzentrum auf den Sattel schwingen, starten die «Gemütlichen» in Colombes, zehn Kilometer nordwestlich des Pariser Stadtzentrums. Ziel beider Gruppen ist Conflans-Sainte-Honorine. Der Weg führt an der Seine entlang, immer wieder ziehen Pénniches vorbei, wie die Lastkähne in Frankreich genannt werden. Säumten zuerst Industrieanlagen den Weg, tauchen nun wunderschöne Villen auf, teilweise versteckt in herrlichen Gartenanlagen. Wir sind in Croissy-sur-Seine, das im 19. Jahrhundert mit dem Aufkommen von Guinguettes (Gartenrestaurants) berühmt wurde. An Sonn- und Feiertagen strömten die Pariser
hierher, um zu essen und zu trinken, von Letzterem nicht zu wenig, weil der Alkohol draussen vor den Stadttoren deutlich günstiger war. Dem Charme dieses Ortes erlagen auch Impressionisten wie Renoir.

Skulpturen von Braque, Dali, Fernand Leger, Vasarely

Auf der anderen Seine-Seite, in Saint-Germain-en-Laye, müssen sich die nicht motorisierten Radler an einem steilen Strassenstück beweisen. Doch wie jede Anstrengung wird auch diese reichlich belohnt: Wir fahren in den Park von André Le Nôtre ein. Der oberste Gärtner von Louis XIV realisierte hier eine Anlage von überwältigender Dimension: Auf über zwei Kilometern erstreckt sich eine 80 Meter breite Terrasse hoch über der Seine und bietet eine ungewohnte Sicht auf Paris. Die Dgense wird quasi von der Rückseite her betrachtet. Die Hochhäuser verdecken den Eiffelturm und den Hügel von Montmartre.

Nachdem wir uns sattgesehen haben, steht eine Abfahrt durch den Staatswald von Saint-Germain-en-Laye an. Das 3553 Hektaren umfassende Areal gehört zu den grössten Naherholungsgebieten der Metropole. Gelegentlich fallen uns Plastiksäcke oder Ballone in den Bäumen auf. Es sind Zeichen, dass hier gearbeitet wird. Auf Campingstühlen sitzen Prostituierte und warten auf Kundschaft.

Mit dem Velo gelangen wir auch zu Frankreichs berühmtestem Seerosenteich in Giverny. Hier wohnte und arbeitete Claude Monet. Wir haben Glück und stehen als erste Besucher an der Eingangspforte. Das erlaubt uns, den Teich noch ohne Touristen als störende Staffage zu fotografieren. Wenig später
ergiessen sich die Besuchermassen in den Garten und zum Teich.

Wir schwingen uns wieder auf die Räder und fahren durch das Vallée de l'Epte nach Gisors. Das Reizvolle an dieser 28 Kilometer langen Strecke: Der Veloweg führt auf einem stillgelegten Eisenbahntrassee das Flüsschen Epte entlang. Das eine oder andere Bahnhofsgebäude beherbergt heute Kunst und
Künstler. Rad- und Wanderwege auf einstigen Bahngleisen werden in Frankreich Voie Verte genannt. In Gisors kreuzen wir die Radstrecke London-Paris. Die 520 Kilometer lange Route wurde 2012 eröffnet.

Velo fahrend möglichst viel Kultur erleben: Diese bekömmliche Mélange finden wir auch auf der 30 Kilometer langen Strecke von Lisors nach Lyons-la-Forêt und weiter nach Château Vascoeuil. Wir befinden uns bereits in der Normandie, das Gebiet ist hügelig. Durch einen ausgedehnten Buchenwald fahrend, erreichen wir Lyons-la-Forêt, das als eines der schönsten Dörfer in Frankreich gilt. Fast zu jedem Haus liesse sich eine lange Geschichte erzählen. Im Gebäude Le Fresne beispielsweise hielt sich Maurice Ravel zwischen 1911 und 1922 wiederholt auf. Im La Huchette wohnte der Ballonfahrer Charles
Dollfus. Das Haus tauchte 1991 in Claude Chabrols Verfilmung von «Madame Bovary» auf.

Die nächste Etappe führt zum Schloss Vascoeuil, das aus dem 12. Jahrhundert stammt, von einem französischen Garten und einem englischen Park umgeben ist und seit 1970 ein Kunstzentrum ist. Mehr als 60 Skulpturen von Braque, Salvador Dali, Fernand Leger, Vasarely und anderen Künstlern stehen im Park.

Auch die letzte Tour hält ein Highlight parat: In der Nähe von Caudebec-en-Caux überqueren wir die Seine auf dem Pont de Brotonne. Das imposante Bauwerk gehört mit einer Länge von 1278 Metern zu den grössten Brücken Frankreichs und erlaubt die Durchfahrt von Hochseeschiffen.

Sonntagszeitung vom 18.02.2018
Bericht: Rita Flubacher

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