Rückführung aus Sizilien

Seit 2018 führen wir erfolgreich landwirtschaftliche Reisen in Zusammenarbeit mit der Fachzeitschrift Schweizer Bauer durch. Leider begann dieses Reisejahr ganz anders als erwartet. Als eine unserer ersten Gruppen reisten 33 Gäste Anfang März nach Sizilien und freuten sich auf eine spannende und abwechslungsreiche Reise. Da Italien nur 3 Tage nach Ankunft unserer Reisegruppe den Lockdown des gesamten Landes ausrief, verlief die Reise etwas anders als geplant.

21. April 2020

Teil 1: Bauern liefern in die ganze Welt

Die erste Leserreise des «Schweizer Bauer» 2020 führte eine Gruppe von 33 Personen in den Süden Italiens, nach Sizilien. Die grösste Insel des Mittelmeerraums galt als Kornkammer Roms. Heute exportieren die Sizilianer vor allem Zitrusfrüchte, Gemüse, Olivenöl, Wein und Käse

Anfang März startete die Leserreise vom «Schweizer Bauer» nach Sizilien. Bis kurz vor dem Abreisetag waren alle gespannt, ob diese Reise stattfinden würde, denn in Norditalien war das Coronavirus bereits weit verbreitet. Aber Sizilien ist eine Insel weit im Süden. Und zwischen Mailand und Catania liegen 1'339 Autobahnkilometer.

Viele Zitrusfrüchte

Sizilien besteht zu zirka 90% aus Hügelland und Bergen. Der Ätna ist der höchste aktive Vulkan Europas und ist ungefähr 3300m hoch. Der Wert schwankt von Ausbruch zu Ausbruch. Die Landwirtschaft hat einen hohen Stellenwert.

Exportiert werden neben Zitrusfrüchten auch Gemüse, Oliven, Mandeln, Wein und Hartweizen für die Teigwarenproduktion. 70% der gesamt italienischen Zitrusfrüchte werden in Sizilien angebaut und das Olivenöl besitzt wegen der fruchtbaren Böden ein besonders feines Aroma.

Eine andere Welt

In einer Gruppe von 33 Personen flogen wir von Zürich nach Catania und landeten am Abend auf dem Flughafen Fontanarossa. Leider lag der Vulkan Ätna in den Wolken und so konnten wir ihn im Landeanflug nicht sehen. Unsere italienische Reiseleiterin und der Buschauffeur holten uns ab und brachten die Reisegruppe ins Stadtzentrum von Catania.

Ein gemütlicher Spaziergang führte durch die Altstadt zum Hotel. So erhielten wir einen ersten Eindruck von den monumentalen Gebäuden vergangener Zeiten. Die Hotelcrew war bereits auf Corona-Prävention eingestellt, so gab es überall die Möglichkeit, sich die Hände zu desinfizieren. Die Tische im Speisesaal waren mit einem Meter Distanz platziert, die Kellner trugen Einweghandschuhe und servierten uns ein vorzügliches, typisch sizilianisches Abendessen.

Schwarz durch den Vulkan

Catania wird die schwarze Tochter des Ätna genannt. Bei einem verheerenden Ausbruch im Jahr 1669 wurden weite Teile der Stadt vollkommen zerstört. Das heutige Catania liegt höher, denn unter ihr liegt die alte, von Lava und Asche bedeckte Stadt. Viele Gebäude und Plätze verwendeten die erkaltete, schwarze Lava als Baumaterial.

Bis heute ist der Ätna aktiv und wird rund um die Uhr überwacht, so dass niemand Angst vor ihm haben muss. Von den Einheimischen wird er liebevoll «Mutter Ätna» genannt. Seine Asche verteilt sich mit jeder Aktivität in der näheren Umgebung und führt zu sehr fruchtbaren Böden. Auch das Klima ist mild, womit die Region als Hauptanbaugebiet für Zitrusfrüchte und Pistazien prädestiniert ist. In der Zeit von Mai bis September fällt kaum Niederschlag, und da Catania im Regenschatten des Vulkans liegt, ist es der Ort mit der geringsten Niederschlagsmenge.

6000 Liter Olivenöl pro Tag

Am ersten Morgen fuhr die Gruppe mit dem Bus zu einer interessanten Betriebsbesichtigung. Am Fusse des Vulkans stand der Besuch eines Olivenölproduzenten auf dem Programm. Die Olivenerntesaison beginnt in Sizilien im September und endet im Januar. Während dieser Zeit werden in Adrano täglich zirka 6000 Liter Olivenöl gepresst.

Bio und konventionell, natürlich oder mit Aromen sowie immer kaltgepresst. Mit über 1000 Produzenten gibt es Lieferverträge, damit das internationale Kundennetz bedient werden kann. Vertrieben wird das Olivenöl in die ganze Welt. Neben den Vertragslieferanten kommen auch private Personen mit ihren Oliven, lassen sie pressen und nehmen im Anschluss ihr eigenes Öl zurück. Kaltgepresstes Olivenöl darf in keiner Sizilianischen Küche fehlen.

Trester gibt bessere Milchgehalte

Die Weiterverarbeitung von Nebenprodukten läuft nebenher und erfordert eine professionelle Organisation. Mit den Universitäten von Catania und Messina gibt es Versuchsprojekte, um auch die Reste, wie zum Beispiel die Olivenkerne und den Trester, nutzen zu können. Damit soll Foodwaste vermieden werden. Erste Ergebnisse liegen bereits vor. Der Trester wurde im Freien getrocknet und Rindern verfüttert. Forscher konnten den Nachweis erbringen, dass die so gefütterten Tiere einen besseren Muskelaufbau und höhere Gehalte in der Milch erzielten.

Beim Pressvorgang wird das Öl aufgefangen, welches noch mit Waschwasser vermischt ist. Das Nebenprodukt «Wasser» enthält noch Bestandteile, die für die Kosmetikindustrie interessant sind. Deshalb wird diese Flüssigkeit zentrifugiert, um die festen von den flüssigen Teilen zu separieren. Das Interesse der Kosmetikbranche ist vorhanden, der Absatz kein Problem.

Teil 2: Alte Rinderrasse für die ganze Welt

Die Sizilien-Leserreise führte am zweiten Tag von der Hafenstadt Catania in das Landesinnere. Ziel war ein 300 ha grosser Betrieb in Polizzi Generosa, einer Gemeinde in der Bergregion des Madonien Naturpark.

Den Beinamen Generosa bekam der Ort von Friedrich II. Er bedeutet reich oder üppig. Dies weist auf den sehr fruchtbaren Boden hin, auf dem die verschiedenen Kulturen üppig wachsen.

Familienbetrieb mit vielen Standbeinen

Das Anwesen «Antico Feudo San Giorgio» liegt auf einer Felskuppe auf 915 m. Der Betrieb der Familie Carrelli Palombi wird weitestgehend biologisch bewirtschaftet. Sie halten Mutterkühe und Esel, bauen Hartweizen und Kronen-Süssklee an, kultivieren Weinstöcke und betreiben einen «Agriturismo», also Agrotourismus.

Als die Leserreise-Gruppe auf dem Betrieb eintraf, pflanzte eine Gruppe von fünf jungen Männern neue Weinstöcke. Die alten Reben waren bereits ausgerissen. Nun werden 32’000 neue Stöcke gepflanzt. Drei Sorten wurden für diesen Standort ausgewählt. Sorten, die an die Höhe angepasst sind und nur mit wenig Kupfer behandelt werden müssen. Beim Rundgang durch die Felder zwitscherten die Feldlerchen über unsere Köpfe.

Hartweizen-Mekka

Neben der Parzelle mit den neuen Weinstöcken breiteten sich Hartweizenfelder bis zum Horizont aus. Über 100ha wurden im Dezember angesät und erfreuten uns jetzt mit ihrem frischen Grün. Der Hartweizen hat in Sizilien eine lange Tradition. Die fruchtbaren Böden, die geringe Niederschlagsmenge und die heissen Sommertemperaturen sind für das Getreide ideal.

Die Ernte erfolgt im Mai, in den höheren Lagen im Juni. Es gibt noch über 30 antike Hartweizensorten, welche bis heute angebaut werden. In der Region dominiert die Sorte Russello.

Mehr als Gründüngung

Die Fruchtfolge beschränkt sich auf zwei Anbaujahre. Im ersten Jahr wächst Getreide und im zweiten Jahr der Kronen-Süssklee (ital. Sulla). Die Sulla ist eine Leguminose und bindet Stickstoff im Boden. Sie ist jedoch mehr als nur eine gewöhnliche Gründüngung. Die dunkelrot-violettfarbenen Blüten sind eine ertragreiche Bienenweide, darum stehen viele Beuten an den Wiesenrändern.

Nach der Blütezeit wird gemäht und Silofutter für die Rinder konserviert. Der Kronen-Süssklee ist trockenheitsresistent, was in diesen Breitengraden wichtig ist. Mit seiner Pfahlwurzel kommt er in tiefere Bodenschichten und versorgt sich dort mit der benötigten Feuchtigkeit.

Alte Rasse wird exportiert

Auf dem Betrieb der Familie Carrelli Polombi werden 60 bis 70 Mutterkühe gehalten. Die Rasse Marchigiana kommt aus der Region der Marken. Die weissen Rinder wurden schon vor 1500 Jahren als Zugtiere in der Landwirtschaft eingesetzt. Vor gut 100 Jahren wurden sie mit fleischigen Rassen eingekreuzt.

Heute machen Marchigiana-Rinder gut 45% der italienischen Rinderrassen aus und werden weltweit exportiert. Der Betrieb in Polizzi setzt auf die Rasse, weil die Tiere mit ihrem weiss-grauen Fell die starke Sonneneinstrahlung tolerieren, wenig krankheitsanfällig sind und Futter gut verwerten können. Die Kälber werden mit rund 8 Monaten lebendig nach Norditalien verkauft.

Gaumenfreuden

Im feudalen Gutshaus wurden wir mit eigenen Spezialitäten verköstigt. Ein Höhepunkt waren die Antipasti. So war der Ricottakäse mit Honig und Pistazien sehr schnell aufgeteilt. Eingelegte, eigene Oliven waren eine echte Gaumenfreude, der Teller mit Teigwaren aus eigenem Anbau auf den Punkt zubereitet. Auch der Hauswein kam bei der Reisegruppe gut an.

Nach der Stärkung und vielen Eindrücken stiegen wir in unseren Bus, um nach Palermo weiterzureisen. Seit Anfang Januar hatte es nicht mehr geregnet. So waren alle froh, als die ersten Regentropfen bei unserer Abreise auf den Boden vielen. Ein wunderschöner Regenbogen grüsste zum Abschied.

Teil 3: Corona - Leserreise endete abrupt

Nach den ersten zwei Betriebsbesichtigungen in Adrano und Polizzi Generosa stand in Palermo Kultur auf dem Programm. Aber daraus wurde leider nichts.

Ganz Italien rote Zone

Wegen der Corona -Pandemie im Norden Italiens erklärte der italienische Ministerpräsident am Abend das ganze Land zur roten Zone. Die Reiseleitung informierte die Gruppe nach dem Frühstück darüber was es bedeutet in der roten Zone zu sein und wie es nun mit der Reise weitergehen soll.

Zusätzlich zu den bereits vorhandenen Massnahmen, wie beispielsweise das unser Reisebus jeden Abend desinfiziert wurde und die Tische im Speisesaal mit einem Sicherheitsabstand aufgestellt waren, wurde jetzt der Gang hinaus aus dem Hotel untersagt. Da unser Mittagessen ausserhalb geplant war, musste die sizilianische Reiseleiterin mit der Hotelleitung eine Lösung suchen. Diese wurde auch ein paar Meter weiter gefunden. Ein Imbiss mit typisch sizilianischen Spezialitäten erklärte sich bereit, für die gesamte Gruppe Arancini und Padelle zu liefern.

Gute italienische Küche

Arancini sind frittierte und gefüllte Reisbällchen. Im Originalrezept sind sie mit gekochtem Schinken gefüllt, für Vegetarier gibt es die Variante mit Spinat. Dazu gab es Panelle im Brötchen. Panelle sind kleine Pfannkuchen aus Kichererbsenmehl.

Die Kichererbsen sind Leguminosen und werden im sizilianischen Hinterland angebaut. Die Araber haben die Erbse nach Sizilien gebracht, wo sie beste Anbaubedingungen vorfanden. Sie kommen mit wenig Wasser aus und bevorzugen ein warmes und sonniges Klima.

In Kleingruppen unterwegs

Während das Reisebüro Twerenbold eine Lösung für eine schnelle Rückreise unter Hochtouren suchte, begaben sich einige Teilnehmer in Kleingruppen hinaus in die Stadt. Das schöne Wetter und die beeindruckenden Gebäude luden zum Flanieren ein.

Edy Küttel war einer von ihnen. Der 70-jährige hatte keine Angst sich dort zu bewegen, denn die Strassen waren fast menschenleer. Am Abend organisierte das Hotel eine Happy hour. Jedes Getränk an der Bar kostete den halben Preis. Sie waren sehr bemüht in dieser schwierigen Lage für gute Stimmung zu sorgen.

Mit Charterflug zurück in die Schweiz

Am nächsten Tag wurde in der Schweiz ein Flugzeug von Helvetic Airways gechartert. Dieses brachte die komplette Reisegruppe gesund von Palermo nach Zürich zurück. Zuvor gab es jedoch noch rührende Szenen. Das Hotel schloss hinter uns die Tore, denn nach uns waren keine Gäste mehr angemeldet. Die Besitzerin wusste nicht wie es für sie weitergehen wird.

Auch unsere sizilianische Reiseleiterin und der Busfahrer aus Catania sehen in eine ungewisse Zukunft. Eines war aber bereits klar: In den nächsten zwei Monaten werden die beiden keine Arbeit haben.

Der kleine Einblick macht Lust auf mehr

Schneller als gedacht war die Leserreise nach Sizilien vorbei. Einen kleinen Einblick konnten wir jedoch von der spannenden Mittelmeerinsel erhaschen. Die Stimmung in dieser Schicksalsgemeinde war von Beginn bis zum Schluss gut. Und der Wunsch ist gross, diese Reise im nächsten Frühling noch einmal anzutreten. Vielleicht aber mit etwas weniger Adrenalin in den Adern.

Quelle: Diese Artikel inkl. Bilder wurden vom Schweizer Bauer zur Verfügung gestellt und von Monika Gerlach verfasst. Monika Gerlach arbeitet seit 2018 als freie Journalistin für den Schweizer Bauer. Sie ist in Deutschland aufgewachsen, seit 2002 ist sie in der Schweiz und seit 2017 auch in Sizilien wohnhaft. Gerlach ist Landschaftsgärtnerin, Landwirtin, Älplerin und Natur- und Umweltfachfrau.

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